Reiseinformationen - Biologische Rhythmen


Biologische Rhythmen im Trubel des Reisens

Lebende Zellen in Pflanzen oder Tieren verfügen über einen feinen gleichmäßigen eigenen Fluss von Aktivität und Ruhe. Dieser für sie typische Rhythmus wird mit der Umgebung abgestimmt und in eine Taktung eingebunden, die von außen vorgegeben ist. Dies geschieht durch höhere Nervenzentren, die den Wechsel von Aktivität und Ruhe, Tag und Nacht u.a. vermitteln.

Ein Taktgeber zwingt eine von ihm abhängige Zellgruppe in einen anderen, meist gebremsten und harmonisierten Rhythmus: z.B. schlägt das Herz ohne Kontrolle des Stammhirns schneller und wird in der Ausatmungsphase von dort immer wieder beruhigend gebremst. Bei Störungen erhöht sich die Frequenz des Herzenschlages (Dauerstress), oder stolpert (Extraschläge) oder das Herz steht in extremen Panikreaktionen still (Asystolie).

In höher entwickelten Tieren werden die Rhythmen einzelner Organe durch ein Chronometer synchronisiert: Eine reiskorngroße Struktur im Gehirn etwa auf der Höhe der Nasenwurzel hinter den Augen über der x-förmigen Kreuzung der beiden Sehnerven. Dieser "suprachiasmatische" Nervenknoten (SCN) sendet seine Impulse abhängig von Reaktionen auf Lichteinstrahlung und ist daher intensiv mit Strukturen der Sehbahn verbunden. Von hier führen Nervenstränge zur Zirbeldrüse, die u.a. das Schlafhormon Melatonin bildet.

Wird die Konzentration von Melatonin gegen Morgen (d.h. lichtabhängig) im Blut gesenkt, steigen Blutdruck, Puls und Körpertemperatur, anschließend die Konzentration der aktivierenden Sexual- und Aktivitätshormone. Mittags ist die Sauerstoffsättigung des Blutes und die Atemfrequenz am höchsten und dieses Aktivitätsmaximum hält mit Schwankungen bis in den späteren Nachmittag, dann nimmt der Harnfluss zu und der Körper senkt sein Aktivitätsniveau ab. Etwa zwei Stunden bevor wir einschlafen gibt die Zirbeldrüse wieder Melatonin ab, das die Tagesaktivität ausklingen lässt.

Die Melatoninproduktion der Zirbeldrüse wird zusätzlich gesteuert über Lichteinfluss, unabhängig oder sogar gegen die Impulse des SCN, durch Noradrenalin, das in Gefahrenmomenten den Körper für Kampf- oder Fluchtreaktionen aktiviert und über ein Enzym, das den Botenstoff Serotonin umwandelt (in N-acetylserotonin) und das als Zeit-Enzym gilt, weil es nur sehr kurz wirkt und ebenfalls durch Licht und Dunkelheit stimuliert wird.

Neben dem sonnensynchronen Wach-Schlafrhythmus sind die uns bekanntesten Rhythmen

Allein an der Herzsteuerung, die für die Versorgung des Hirns mit Sauerstoff und Glukose essentiell ist, sind sechs Rhythmuszentren beteiligt. Durch Kommunikation (Sicherheit) und Stress (Bedrohung) ist das jüngste dieser Steuerungszentren (vorderer Vaguskern) über das Bewusstsein beeinflussbar. Durch Atemübungen kann daher mit einiger Erfahrung die Herzfrequenz gesenkt werden.

Die Koordination der unzähligen, chaotisch schlagenden Schrittmacher ist im Idealfall, d.h. in einem gesunden Organismus, so vollkommen wie der Zusammenklang eines harmonischen Orchesters. Der Vergleich mit der Musik liegt deshalb nahe, da alle Körperrhythmen in einem ganzzahligen (harmonisch klingenden) Verhältnis zueinander stehen:

Die harmonische Ordnung ist sehr labil und muss in Ruhe und Erholung immer wieder regeneriert werden. Dies geschieht am stärksten im Nachtschlaf. Nach einigen Stunden Nachtruhe synchronisieren sich Herz- und Atemrhythmus wieder in einem Verhältnis von 4:1.

Störungen, Misstöne, Dissonanzen, Takt- oder Rhythmusstörungen klingen nicht nur schräg, in unserem „Körperorchester“ sind sie auch häufig die Ursache von Krankheiten. Mäuse sterben eher, wenn sie unter Experimentalbedingungen immer wiederkehrenden Störungen des Tagesrhythmus ausgesetzt werden.

Es verwundert daher nicht, dass Nacht- und Schichtarbeiter/innen oder Personen, die ständig Zeitzonen durchqueren, häufiger von sehr unterschiedliche Krankheiten befallen werden, als Personen mit einem regelmäßigen Tagesablauf, und dass bei ihnen auch Teile des Gehirns, insbesondere der Temporallappen, der für Lern- und Gedächtnisfunktionen wichtig ist, in Mitleidenschaft gezogen werden können. Die Anpassung an Rhythmusunterbrechungen erfordert eben Zeit und wenn diese fehlt, entstehen negative Auswirkungen, die auch sehr gesunde Personen oft nicht leicht verkraften.

Reisen

Reisen bieten eine gute Gelegenheit, durcheinander geratenen Rhythmen in sich nachzuspüren und den verschiedenen Rhythmusgebern wieder Zeit einzuräumen, sich aufeinander abzustimmen. 

Weitere Informationen:

 

HEF, MG, 24.03.2009



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