
Arsen im Grundwasser: eine Katastrophe in Bangladesh und Indien
In Bangladesh und vielen anderen Weltregionen sind Millionen von Menschen seit einigen Jahrzehnten hohen Arsenbelastungen ausgesetzt. (Publikation zum Thema: Arsen im Trinkwasser Bangladeschs, PDF-Datei)

Bildquelle: Unicef
Arsen ist ein giftiges Halbmetall, das -je nach chemischer Verbindung, in der es vorliegt- bereits in einer Menge über 10 bis 200mg tödlich wirken kann. Bei Arsenkonzentrationen von mehr als 10 μg pro Liter (1 μg = 0.001 mg) im Trinkwasser kommt es nach Jahren zu schweren Gesundheitsstörungen: u.a. Hautveränderungen, innere Erkrankungen, Krebs (Haut, Lunge, Niere) und Totgeburten.
In Bangladesh trinken nach einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 30-77 Millionen Menschen Trinkwasser mit mehr als 50 μg Arsen pro Liter. Im benachbarten West-Bengalen und Zentralindien sollen 35-40 Millionen Menschen betroffen sein, außerdem 50.000 Menschen im Norden Chinas (innere Mongolei) und weitere Zehntausende in Nepal, Vietnam, Taiwan, Mexiko, Chile und Argentinien.
Die WHO schätzt, dass in den am stärksten betroffenen Regionen jeder hundertste Erwachsene an arsenbedingten Krebserkrankungen und jeder zehnte an anderen Folgen einer Arsenvergiftung sterben wird.
Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen?
Bis 1960 wurde in Bangladesh nur Oberflächenwasser genutzt: aus Flüssen, angelegten Teichen, Regenwasserbehältern oder Brunnen bis 20 m Tiefe. Damals waren wegen der geringen Hygienestandards Darmerkrankungen und Cholera sehr häufig. Die Weltkinderorganisation UNICEF finanzierte deshalb ein Programm zur sicheren Wasserversorgung, das von einer englischen Firma ausgeführt wurde. Bis heute wurden im Rahmen dieses Programms elf Millionen Rammbrunnen mit Handschwengelpumpen auf Bohrtiefen zwischen 50-100 Meter angelegt. Parallel startete ein politisches Programm der "grünen Revolution", das eine Bewässerung von Feldern und einen starken (u.a. auch arsenhaltigen) Insektizid- und Düngemitteleinsatz vorsah. Gleichzeitig wurden in Indien Dammanlagen errichtet, die zu einem Rückgang des Oberflächenwassers in Bangladesh in der Trockenzeit führten, weswegen vermehrt Grundwasser aus Schichten zwischen 50-100 Metern abgepumpt wurde.
1983 wurden die ersten Fälle von Arsenvergiftungen beschrieben. Noch 1990 bescheinigten britische Studien "beste Wasserqualität" in ganz Bangladesh, bis 1993 Studien der Universität Kalkutta die Arsenverseuchung des Trinkwassers aufdeckten. Ausgespart war im Delta nur die Region Dhaka, in der zur Vermeidung von Brackwasser Bohrbrunnen in 250 Meter Tiefe angelegt wurden.
Karte: Arsenic Crisis Information Center
Die Ursache der Verseuchung ist noch nicht endgültig geklärt:
Mit dem letzten Gletschervorschub der Eiszeit ins Bengalische Delta bildeten sich arsenkieshaltige, mit organischem Material versetzte Schichten, in denen heute das Grundwasser fließt. Eine Theorie besagt, chemische Reaktionen zwischen Arsenkies und umgebenden Pflanzenresten habe zu frei löslichen Arsenverbindungen geführt. Davon betroffen seien exakt abgrenzbare Regionen. Da es vor 1990 nicht zum Standard gehörte, Grundwasser auf Arsen zu untersuchen, gibt es nach dieser Hypothese einer "natürlichen Katastrophe" keinen Schuldigen. Bisherige Klagen Betroffener wurden u.a. mit diesem Argument abgewiesen.
Andere Wissenschaftler sehen die Ursache in der Umwandlung von schwer- in leichtlösliches Arsen in arsenhaltigem Gestein durch chemische Prozesse, die bei exzessiver Wasserentnahme durch Trocknung und Wiederauffüllung der Wasserleiter entstehen. Nach Meinung dieser Forscher sei das Problem der Arsenverseuchung nicht nur regionen- sondern auch zeitabhängig: Es könne sich dynamisch auf bisher noch nicht betroffene Regionen ausweiten und sich an bereits verseuchten Pumpanlagen noch weiter verschlimmern. Die Arsenvergiftung oberflächlicher Grundwasserleiter in geologisch ganz anders strukturierten Regionen Zentral- und Ostindiens (u.a. in Chattisgarh, Ambagarh) wird nach ähnlichen Vermutungen im Zusammenhang mit den Ausschwemmtechniken bei intensiver Bergbautätigkeit gesehen.
Das Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht abschätzbar:
Sicher ist, dass die Prognosen von Jahr zu Jahr düsterer wurden. In den genannten Regionen ist Arsen bereits in die Nahrungskette übergegangen: Die Bodenbelastung liegt örtlich bei bis zu 400 μg pro kg und Reis enthält zwischen 20-400 μg Arsen pro kg (1 μg = 0.001 mg).
Das Management der entstandenen Probleme ist ungeheuer schwierig. Bangladesh entwickelt sich auf einem vergleichbar niedrigen Niveau wie Laos oder Sambia mit einem Bruttosozialprodukt von nur 350 US$ pro Kopf und Jahr. Die Kindersterblichkeit beträgt 66 von 1.000 Geburten. Nur 41% der Bevölkerung können lesen. Arsenhaltiges Wasser ist für die Bevölkerung nicht direkt erkennbar, die komplexen Zusammenhänge werden nicht leicht verstanden und erforderliche Verhaltensänderungen würden zunächst die ohnehin sehr harte Lebenssituation der Landbevölkerung, insbesondere die der Frauen, verschlechtern.
Die Mittel für Gesundheitsvorsorge und -information sind schon für andere sehr dringende Gesundheitsbereiche äußerst knapp: Mutter-Kindgesundheit, Familienplanung und HIV/AIDS. Auf Ärzte und Krankenhäuser kommt eine Welle neuer Krankheiten zu, die, wie z.B. Hautkrebs, chirurgisch versorgt werden müssen, oder bei denen, wie z.B. bei Störungen innerer Organe, wirksame Behandlungen fehlen. Eine ursächliche Therapie chronischer Arsenvergiftungen gibt es nicht. Medikamente, die bei akuter Arsenvergiftung angewandt werden, schaden bei chronischer Vergiftung. Häufig nachgefragte und angebotene "traditionelle Heilmethoden", wie Ayurveda oder pflanzliche Medikamente enthalten zum Teil hohe Konzentrationen von Schwermetallen (vor allem Blei) und Pestizidrückstände, die das Krankheitsbild der Arsenvergiftung wesentlich verschlimmern können.
Überlegungen, wieder vermehrt Oberflächenwasser zu benutzen, könnten erneut zu Hygieneproblemen führen. Hausfilteranlagen, die Arsen entnehmen, sind nicht billig, müssen gepflegt werden und liefern nur Wasser, das anschließend entkeimt werden muss, z.B. durch Abkochen. Die Akzeptanz dieser Systeme ist daher bei der Bevölkerung gering. Das traditionelle Regenwassersammelsystem in Teichen, das bis 1960 in Bangladesh üblich war, ist heute nicht mehr einfach nutzbar, da die Teiche inzwischen vermüllt sind oder für die Fischzucht verwendet werden. Vorschläge, weniger Pestizide, Düngemittel und Bewässerungsmaßnahmen zu verwenden, werden in der Landwirtschaft bisher nicht angenommen. Tiefbohrungen auf 250 Meter und der Aufbau eines Netzes von Wasserleitungen und Pumpstationen sind z.Z. für Bangladesh unbezahlbar, zumal keine an der Verursachung beteiligten Institutionen bisher die finanzielle Verantwortung für den entstandenen Schaden übernommen hat.
Die Landbevölkerung Bangladeshs braucht deshalb dringend internationale Unterstützung.
Bildquelle: Unicef
Hinweis für Reisende
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Weitere Informationen:
Verwendete Literatur
Interessante Bücher zum Umgang mit komplexen Problemen, die verdeutlichen, warum uns Situationen dieser Art immer wieder begegnen:
(Quelle: Unesco, WHO u.a.)
RMZ, 27.05.2009
Zur Website www.gesundes-reisen.de