Reiseinformationen - Bewegung: Trainings- und Stresszyklus
Nehmen wir an, der Mensch sei ein Auto. Den Menschen mit einem Auto zu vergleichen, ist natürlich unzulässig. Aber tun wir trotzdem mal so, als wäre er eins. Das Auto fließt dann im streng vorbestimmten Strom des Autobahnstaus, der freie Wille des Lenkens hält sich in engen Grenzen, das Flackern grüner oder roter Lämpchen zeigen Drehzahl des Motors und Fülle des Tanks an und je nachdem welcher Gang eingelegt ist, heult der Motor auf oder tuckert friedlich vor sich hin. Weiter unten im Dunkeln der Steuerzentrale liegt das Gaspedal, dass Aktivität und Beschleunigung ermöglicht und daneben die Bremse, die zuviel Aktivität wieder herunterregelt. Beim Menschen wird das Gaspedal (meist unbewusst) durchgetreten, wenn einer der Tanks der Grundbedürfnisse leer läuft (Luft, Wasser, Nahrung, Schutz, Unversehrtheit, Sex, Schlaf, ...) oder wenn die Sicherung dieser Bedürfnisse in der Zukunft gefährdet erscheint. Die dann losgelassenen, lebenserhaltenden Notprogramme nennt man Stress. Stress bedeutet "Gegen an!" (Kampf) oder "Nichts wie weg!" (Flucht). Läuft der Motor zu heiß, kommt der Kollaps, das Kühlwasser kocht und man muss notgedrungen neben der Autobahn stehend auf den Abschleppdienst warten. Oft verläuft diese Reaktion so:
Stresszyklus:
- Strampeln im Hamsterrad: Verspannung, Schmerzen, Erschöpfung
- Pause, Erschlaffen, Hecheln, Urlaub, Wellnesswochenende
- Neue Kraft für stärkeres Strampeln im Hamsterrad: mehr "Verspannung, mehr Schmerzen, stärkere Erschöpfung"
- Erschöpfungspause: "Nix wie weg!" und hin zu „Wellness intensiv!“
- Neue und jetzt maximale Kraft für stärkeres Strampeln im Hamsterrad, obwohl die Puste ausgeht
- Körperliche Alarmzeichen: Jetzt sind Medical Wellness und Kur angesagt.
- Trotzdem Weiterstrampeln bis zum Zusammenbruch: Herzinfarkt, Hörsturz o.ä.
Dazu im Vergleich ein Trainingszyklus:
- Neben der Aktivierung des Gaspedals meldet sich gleichzeitig eine „Stressbremse“ mit einem regelhaften Impuls (in der Ausatmungsphase). Deren Aufgabe es ist, Herz, Blutdruck, Stoffwechsel u.a. effizient zu regulieren, das für die Aufgabe optimal zu dämpfen. Panik und Überforderung sind damit ausgeschlossen. Dann entsteht trotz starker Belastung ein sogenanntes Flow-Gefühl. Die Belastung ist erwünscht oder macht Sinn, und die Bewegung gründet auf dem sicheren Gefühl der eigenen Kompetenz. Die Herausforderung hat ihr Gutes. In der rhythmischen Bewegung verliert das Gefühl für Zeit und Raum, innere Haltungsarbeit verliert sich in einem balanciertem, unbewussten, energie- und reibungsarmen Bewegungsfluss. Unnötiger Kraftaufwand für überflüssige Begleitbewegungen unterbleibt.
- Auf die Belastung folgte rechtzeitig eine Erholungspause, wenn die Tankanzeige der Grundbedürfnisse sinkt und sich Müdigkeit bemerkbar macht. Die Pause beginnt bevor das Signal auftaucht: "Reservetank aktivieren!", und die Erholung entsteht durch Lockerung, entspannte Bewegung, Kommunikation mit Menschen oder Tieren, Lösen des Körpers, Ausleeren des Kopfes, Loslassen, Genießen.
- Dann folgt in einem Rhythmus und nach genügend Schlaf die erneute Belastung, der erneute Flow, bis wieder Erholung nötig ist.
Im Prinzip sind beide Arten, wie wir mit Belastung umgehen können, notwendig und sinnvoll, jeweils unter anderen Bedingungen:
Zielorientierte, geschickte Bewegung.
Rabenvögel sind Meister dieser Form innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums eine sehr klare Wirkung zu erzielen: Blitzschnell angeln sie sich einen Leckerbissen vor der Nase einer dagegen eher verträumt wirkenden Katze. Das, was in der Zukunft erreicht werden soll steht im Vordergrund, das Jetzt spielt keine Rolle, und weil das anstrengend ist, ist die Zeit so präsent. Diese Bewegungsart ist ideal für Notfälle, wenn z.B. „die Stadt Athen vor den Persern“ gewarnt werden muss, und wenn dann der Patriot in Marathon losrennt, ohne auf sein eigenes Leben zu achten. Das Wohlbefinden wird dem Ziel untergeordnet. Die Not rechtfertigt die Mittel. Reklametafeln in der U-Bahn fordern deshalb täglich heraus: „Besieg den Schweinehund!“ „Zeig es deinem Rücken!“. Bei dieser Art des Trainings spielen geistige und körperliche „Kollateralschäden“ keine Rolle. Es war Krieg und unser Marathonläufer musste ein Held sein. Und wie so oft bei Helden verstarb er nach seiner Heldentat.

Bildquelle: Himmel/Gerstenberg
Gewandte, erlebnisorientierte Bewegung
Dabei verliert sich die Bedeutung eines Ziels im Prozess eines Bewegungsflusses. Ein solches sogenanntes Flow-Gefühl ohne Zeit und Raum kennen Tiere, die ohne Stress, stundenlang zu neuen Weideplätzen oder zu neuen Revieren laufen, oder die nur so zum Spaß herumtollen. Dabei muss der Energieverbrauch minimal gehalten werden, damit er in Notsituationen ungeschmälert zur Verfügung steht. Das geschieht bei größtmöglicher Stimmigkeit, d.h. die Bewegung passt genau zur Situation, die Muskelanspannung, zur geistigen Einstellung, der Zug der Sehne zur Belastbarkeit des Knochens, der Stoffwechsel zum Rhythmus des Atmens. Das Ziel ist beim Flow im Jetzt anzukommen: Wie fühlt sich die Bewegung an? Das meiste unbewusste In-sich-hineinhorchen beim Flow gleicht einem Klavierstimmer der auf falsch gestimmte Saiten lauscht, die die Harmonie stören. Training im Flow bedeutet nicht, etwas zu verbessern „um zu …“, sondern danach zu suchen, innere und äußere Abläufe optimaler aufeinander abzustimmen, das heißt das Gefühl zu verstärken, das bei balancierter, eleganter, müheloser, gewandter Bewegung entsteht.
Körper und Geist werden gleichzeitig trainiert, wenn Aufmerksamkeit Bewegung ruhig begleitet, wenn das Bewusstsein also wohlwollend zuschaut, was der Körper da „so Tolles“ zustande bringt (z.B. Klavier spielen), ohne sich einzumischen, wenn Belastungs- und Dämpfungssignale gleichzeitig alle Organe auf einen optimalen Wirkungsgrad der Bewegung einstimmen. Bei solchen idealen Trainingsbedingungen werden Schäden an Knien oder Wirbelsäule vermieden.
Takuan, ein japanischer Philosoph des 16. Jahrhunderts, beschreibt diese Zusammenhänge sehr präzise in seinen Trainingsempfehlungen an den berühmtesten Schwertkämpfer seiner Zeit:
- "Der Geist ist vollkommen wach.“ Das Großhirn arbeitet mit seinem vollen Powerpotential, aber unbewegt, d.h. ohne durch das „Bewusstsein“ gestört zu sein.
- „Nirgendwo ist ein Haften.“ Das Mittelhirn, die Emotion, wurde gerade friedlich zur Ruhe gebettet.
- „Du handelst spontan und sicher.“ Der Klein-Stammhirnbereich (die Basis der Bewegungskoordination) ist beruhigt, balanciert und stabilisiert. Der Geist ist fokussiert und schwingt reibungsfrei.
- „Die Perfektion deiner erlernten Schwertkunst läuft widerstandsfrei ab.“ Die eingeübten Programme rauschen vom Großhirn über die Pyramidenbahn am Mittelhirn, das „Bewusstsein“ erzeugt, vorbei. Ein Bewegungsimpuls (Intention) ist schon längst im Zielmuskel bevor der Mensch „bewusst“ sieht, was da geschieht, und geschweige denn, bevor er es emotional-bewusst färben konnte.
- "Du tust das was die Situation erfordert." D.h. eine kreative Neuordnung der Großhirnprogramme kann die Norm verletzen.
Diese Beschreibung Takuan’s vereint mehrere Zustandsformen des Gehirns in einer, und das 400 Jahre vor westlicher Hirnforschung:
- Trance (Fühlen, rückwärtsgewandtes Erinnern z.B. an katzenhafte Bewegungen, die er als Kind beherrschte und, die er, im Training fühlend, wiederentdecken musste)
- Trance-Flow (Zeit, Raum und Schmerz vergessen)
- Trancelogik ("durch die Wand gehen")
- Expertise (durch unendliches Üben eingefräste Exzellenz der Schwertführung, d.h. Normierung von Programmen, die schließlich automatisch ablaufen)
- Kritikfähigkeit (kreativ etwas Neues tun, was noch niemals irgendjemand, auch er selbst nicht, je getan hatte; d.h. abrupte Unterbrechung der Normierung und/oder der Trance)
Weitere Informationen
Quellen (der Artikelserie) u.a.
- Altenmüller E.: Hirnphysiologische Grundlagen des Übens. In: Mahlert U (Hrsg). Handbuch Üben. Breitkopf und Härtel, Wiesbaden 47-67 (2006)
- FAZ 16.10.08
- Galambos SA et al.: Psychological predictors of injury among elite athletes. Br J Sports Med 2005; 39: 351-354.
- Golimbet VE, Alfimova MV, Gritsenko IK, Ebstein RP. Relationship between dopamine system genes and extraversion and novelty seeking. Neurosci Behav Physiol 2007; 37: 601-6.
- Kantak S. et al.: Neural substrates of motor memory consolidation depend on practice structure, Nature Neuroscience, 11.07.2010, doi:10.1038/nn.2596
- Llinás R et al.: Roy S: The ‘prediction imperative’ as the basis for self awareness. Phil.Trans.R.Soc.B 2009;364:1301-7
- Mulder T: Das adaptive Gehirn – Über Bewegung, Bewusstsein und Verhalten, Thieme 2006
- Myers TW: Anatomy Trains, Urban&Fischer 2010
- Pain M et al.: Extreme risk taker who wants to continue taking part in high risk sports after serious injury. Br J Sports Med 2004; 38: 337-339.
- Pogosyan A et al.: Boosting cortical actiity at Beta-band-frequencies slows movement in humans. Curr Biol. 2009;19:1637-41
- Porges SW: Reciprocal influences between body and brain in the perception and expression of affect: A polyvagal perspective. In: Fosha D et al: The healing power of emotions: Affective neuroscience, development, clinical practise. New York, W. W. Norton & Company 2009
- Takuan Sōhō: Brief an den Schwertkämpfer Yagyu Munenori, 17. Jhh.
- Peter Ralston: Effortless Power, 1989
- Van Raalten TR et al.: Practice Induces Function-Specific Changes in Brain Activity, PLoS One, 2008, 3(10): e3270. doi:10.1371/journal.pone.0003270
- von Kleist H: Über das Marionettentheather, 1810
Weitere Artikel
MG, HEF, 13.11.2012