Reiseinformationen - Bewegung: Trainings- und Stresszyklus


Nehmen wir an, der Mensch sei ein Auto. Den Menschen mit einem Auto zu vergleichen, ist natürlich unzulässig. Aber tun wir trotzdem mal so, als wäre er eins. Das Auto fließt dann im streng vorbestimmten Strom des Autobahnstaus, der freie Wille des Lenkens hält sich in engen Grenzen, das Flackern grüner oder roter Lämpchen zeigen Drehzahl des Motors und Fülle des Tanks an und je nachdem welcher Gang eingelegt ist, heult der Motor auf oder tuckert friedlich vor sich hin. Weiter unten im Dunkeln der Steuerzentrale liegt das Gaspedal, dass Aktivität und Beschleunigung ermöglicht und daneben die Bremse, die zuviel Aktivität wieder herunterregelt. Beim Menschen wird das Gaspedal (meist unbewusst) durchgetreten, wenn einer der Tanks der Grundbedürfnisse leer läuft (Luft, Wasser, Nahrung, Schutz, Unversehrtheit, Sex, Schlaf, ...) oder wenn die Sicherung dieser Bedürfnisse in der Zukunft gefährdet erscheint. Die dann losgelassenen, lebenserhaltenden Notprogramme nennt man Stress. Stress bedeutet "Gegen an!" (Kampf) oder "Nichts wie weg!" (Flucht). Läuft der Motor zu heiß, kommt der Kollaps, das Kühlwasser kocht und man muss notgedrungen neben der Autobahn stehend auf den Abschleppdienst warten. Oft verläuft diese Reaktion so:

Stresszyklus:

Dazu im Vergleich ein Trainingszyklus:

Im Prinzip sind beide Arten, wie wir mit Belastung umgehen können, notwendig und sinnvoll, jeweils unter anderen Bedingungen:

Zielorientierte, geschickte Bewegung.
Rabenvögel sind Meister dieser Form innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums eine sehr klare Wirkung zu erzielen: Blitzschnell angeln sie sich einen Leckerbissen vor der Nase einer dagegen eher verträumt wirkenden Katze. Das, was in der Zukunft erreicht werden soll steht im Vordergrund, das Jetzt spielt keine Rolle, und weil das anstrengend ist, ist die Zeit so präsent. Diese Bewegungsart ist ideal für Notfälle, wenn z.B. „die Stadt Athen vor den Persern“ gewarnt werden muss, und wenn dann der Patriot in Marathon losrennt, ohne auf sein eigenes Leben zu achten. Das Wohlbefinden wird dem Ziel untergeordnet. Die Not rechtfertigt die Mittel. Reklametafeln in der U-Bahn fordern deshalb täglich heraus: „Besieg den Schweinehund!“ „Zeig es deinem Rücken!“. Bei dieser Art des Trainings spielen geistige und körperliche „Kollateralschäden“ keine Rolle. Es war Krieg und unser Marathonläufer musste ein Held sein. Und wie so oft bei Helden verstarb er nach seiner Heldentat.

Bildquelle: Himmel/Gerstenberg

Gewandte, erlebnisorientierte Bewegung
Dabei verliert sich die Bedeutung eines Ziels im Prozess eines Bewegungsflusses. Ein solches sogenanntes Flow-Gefühl ohne Zeit und Raum kennen Tiere, die ohne Stress, stundenlang zu neuen Weideplätzen oder zu neuen Revieren laufen, oder die nur so zum Spaß herumtollen. Dabei muss der Energieverbrauch minimal gehalten werden, damit er in Notsituationen ungeschmälert zur Verfügung steht. Das geschieht bei größtmöglicher Stimmigkeit, d.h. die Bewegung passt genau zur Situation, die Muskelanspannung, zur geistigen Einstellung, der Zug der Sehne zur Belastbarkeit des Knochens, der Stoffwechsel zum Rhythmus des Atmens. Das Ziel ist beim Flow im Jetzt anzukommen: Wie fühlt sich die Bewegung an? Das meiste unbewusste In-sich-hineinhorchen beim Flow gleicht einem Klavierstimmer der auf falsch gestimmte Saiten lauscht, die die Harmonie stören. Training im Flow bedeutet nicht, etwas zu verbessern „um zu …“, sondern danach zu suchen, innere und äußere Abläufe optimaler aufeinander abzustimmen, das heißt das Gefühl zu verstärken, das bei balancierter, eleganter, müheloser, gewandter Bewegung entsteht.

Körper und Geist werden gleichzeitig trainiert, wenn Aufmerksamkeit Bewegung ruhig begleitet, wenn das Bewusstsein also wohlwollend zuschaut, was der Körper da „so Tolles“ zustande bringt (z.B. Klavier spielen), ohne sich einzumischen, wenn Belastungs- und Dämpfungssignale gleichzeitig alle Organe auf einen optimalen Wirkungsgrad der Bewegung einstimmen. Bei solchen idealen Trainingsbedingungen werden Schäden an Knien oder Wirbelsäule vermieden.

Takuan, ein japanischer Philosoph des 16. Jahrhunderts, beschreibt diese Zusammenhänge sehr präzise in seinen Trainingsempfehlungen an den berühmtesten Schwertkämpfer seiner Zeit:

Diese Beschreibung Takuan’s vereint mehrere Zustandsformen des Gehirns in einer, und das 400 Jahre vor westlicher Hirnforschung:

 Weitere Informationen

Quellen (der Artikelserie) u.a.

Weitere Artikel

 

MG, HEF, 13.11.2012



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