Reiseinformationen - Eradikationsprogramme (Polio/Lepra/Masern) 3/6


Eradikation – die Ausrottung von Krankheiten

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Eradikationsprogramme (Polio/Lepra/Masern) 3/6

Auch bei der Kinderlähmung (Poliomyelitis) schien sich der Versuch einer Eradikation anzubieten. Es existierte ein exzellent wirksamer und überall verfügbarer Impfstoff. Polioviren finden sich nur beim Menschen, es existiert kein tierisches Reservoir. Poliomyelitis war als Ursache schwerer dauerhafter Lähmungen gefürchtet.

Im Jahr 1988 initiierte die WHO eine globale Polio-Eradikationskampagne. Die Übertragung der Erreger konnte in Amerika 1991, im Westpazifik 1997 und in Europa 1999 unterbunden werden. Probleme begannen im Jahr 2000, wichtige Ziele der Initiative in Asien und Afrika konnten nicht erreicht werden. Im November existierten im Wesentlichen nur noch drei größere Staaten, in denen Poliomyelitis weiterhin heimisch (endemisch) war: Nigeria, Indien, Pakistan. Geringe Fallzahlen fanden sich noch in Ägypten, Niger, Afghanistan. Ein erster größerer Rückschritt war zwischen 2000 und 2003 zu verzeichnen. Verschiedene Länder, z.B. Haiti, Dominikanische Republik, Madagaskar und die Philippinen berichteten über durch Impfviren ausgelöste Polioerkrankungen. Unter Sicherheitsaspekten ist es wünschenswert, dass - sofern abgeschwächte lebende Erreger verimpft werden - diese nicht ausgeschieden werden bzw. nicht außerhalb des Körpers überleben können. Große Probleme bereitet beispielsweise die Ausscheidung von Polioimpfviren mit dem Stuhl. Diese Erreger lassen sich in Entwicklungsländern, zum Teil aber sogar schon in Europa, in den Abwässern, nachweisen und können zu Erkrankungen bei Ungeimpften führen. Ist ein Polioimpfprogramm in einer Region sehr erfolgreich, so führt dies dazu, dass die Zahl wildvirusbedingter Poliofälle unter das Niveau der impfstoffbedingten Polioerkrankungen abfällt. Im Extremfall wird ab einem gewissen Punkt das Risiko mit Polioschluckimpfung an (impfstoffbedingter) Polio zu erkranken höher als das Risiko für Ungeimpfte.

Rechtzeitig bevor dieser Punkt erreicht ist, müssen daher Impfinitiativen von dem Schluckimpfstoff, der besonders gut für die Durchimpfung einer ungeschützten Bevölkerung geeignet ist, umgestellt werden auf die Polio-Spritze (Totimpfstoff), die ein wesentlich günstigeres Sicherheitsprofil aufweist, für Massenimpfkampagnen jedoch weniger geeignet ist. Als zweiter gravierender Rückschritt in der Polio-Eradikationskampagne ist die zunehmende Zahl importierter Poliofälle zu betrachten. Die Verschleppung des Erregers aus Endemieländern wie Nigeria in Nachbarländer führte in den vergangenen Jahren vielfach zu Krankheitsausbrüchen in vormals poliofreien Gebieten. Es resultierten Polio-Ausbrüche in Zentral-Asien und West-Afrika.


Bildquelle: Jäger

Lepra

Durch intensive Maßnahmen der WHO in den Jahren zwischen 1994 und 2003 konnte die Häufigkeit der Lepra um 90 Prozent gesenkt werden. Dies wurde erreicht durch die gezielte Ermittlung von Leprakranken und kontrollierte Durchführung einer Kombinationstherapie. Aktuell ist von jährlich weltweit unter 300.000 Fällen auszugehen. Die flächendeckende Bereitstellung von Medikamenten ermöglichte eine frühzeitige Versorgung von Patienten, so dass schwere Krankheitsbilder z.B. Entstellungen oder Behinderungen zunehmend selten (aktuell bei nur 10% der Patienten) beobachtet werden. In der Mehrzahl aller Länder mit Ausnahme von Brasilien, Nepal, Demokratischer Republik, Kongo und Mosambik gilt die Lepra als eliminiert. Unklar ist, ob durch die bisherige Form der Leprabekämpfung die Erkrankungszahlen weiter gesenkt werden können.

Die Lepra-Elimination wird dann als geglückt angesehen, wenn statistisch weniger als ein (aktuell behandelter) Leprafall auf 10.000 Einwohner kommt. Dies würde in einem „leprafreien“ Land wie Äthiopien mit 80 Millionen Einwohnern immer noch einer Häufigkeit von 80.000 (behandelten) Fällen entsprechen, plus einer evtl. erheblichen Dunkelziffer. In dem Moment, in dem eine Krankheit fälschlicherweise als „ausgerottet“ gilt, aber tatsächlich nur „eliminiert“ ist, besteht das Risiko, dass aufgrund von Spezialistenmangel, strukturellen Defiziten und zunehmendem finanziellen Aufwand vorhandene Fälle nicht mehr erkannt und behandelt werden. Dies wiederum könnte zu einem erneuten Aufflackern der Erkrankung führen.

Diese Gefahr droht insbesondere dann, wenn die Qualität der allgemeinen Gesundheitsversorgung vernachläßig wurde, oder aus anderen Gründen sehr gering ist.

 

Masern

Masern sind eine hochansteckende Infektionskrankheit. Sehr leicht können über den internationalen Reiseverkehr importierte Erkrankungen zu lokalen Ausbrüchen unter Ungeimpften führen. Eradikationsprogramme könnten im Falle der Masern nur erfolgreich sein, wenn Impfaktionen auf allen Kontinenten praktisch zeitgleich begonnen würden. Eine weitere Einschränkung besteht darin, dass Kinder frühestens in einem Alter von neun Monaten geimpft werden können. Damit bliebe immer noch eine große Zahl empfänglicher Personen übrig, selbst wenn die gesamte Bevölkerung eines Landes geimpft wäre. Auch ist zu berücksichtigen, dass Lebendimpfstoffe in Populationen mit hoher HIV-Durchseuchung ein Sicherheitsrisiko (z.B. schwere Verläufe von „Impfmasern“) beinhalten könnten sowie dass in solchen Bevölkerungsgruppen der Impfschutz zu gering ausfallen könnte. Da eine minutiöse Planung und Geschlossenheit im internationalen Vorgehen Voraussetzung wäre, wird eine Masern-Eradikation in absehbarer Zeit wahrscheinlich nicht gelingen.

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Fazit

Die Eradikation und Elimination verbreiteter Krankheiten kann als eine der großen kulturellen Leistungen der Menschheit betrachtet werden. Es handelt sich hierbei um hochkomplexe Projekte, die nur eine Chance auf Erfolg haben, wenn man beständig aus der Vergangenheit lernt und gleichzeitig flexibel auf sich ändernde Situationen in der Gegenwart reagiert. Wichtige Elemente eines Eradikationsprogrammes sind sorgfältige Vorbereitung, Flexibilität in der operationalen Abwicklung und Beschäftigung eines motivierten internationalen Teams in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Gesundheitsbehörden.

 

Literatur

 

MG, HEF, 10.12.2012



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